Es ist erstaunlich wie gering das Interesse der Medien an der Reaktorkatastrophe in Japan geworden ist. In vielen Medien reichen Neuigkeiten aus Fukushima nicht einmal mehr für die Hauptschlagzeilen, finden sich irgendwo im Dickicht sonstiger Beiträge und geraten so aus den Blick den öffentlichen Wahrnehmung. Die Prophezeiung des Kontrollverlusts über Risikotechnologie erweckt scheinbar mehr mediales Interesse, als sein tatsächliches Eintreten.

Was diese Woche aus Fukushima berichtet wurde, macht die bisherigen Pläne, die Tepco der Öffentlichkeit präsentierte, jedoch obsolet. In Reaktor 1 des Kraftwerks ist es entgegen der bisherigen Vermutung nicht zu einer partiellen Schmelze gekommen, sondern zu einer kompletter Schmelze. 70 Prozent der Brennstäbe, so wird berichtet, sind geschmolzen und haben sich als glühende Masse auf dem Boden des Reaktordruckbehälter gesammelt. Der Wasserstand im Reaktor reichte nicht aus, um die Brennelemente ausreichend zu kühlen. Die Stäbe lagen komplett außerhalb der Kühlflüssigkeit. Experten gehen dennoch nicht davon aus, dass es noch zum klassischen ‚China-Syndrom‘ kommen wird. Klar ist, dass der Reaktordruckbehälter große Lecks haben muss. Wo diese sich genau befinden weiß bislang niemand. US-Amerikanische Atomtechniker gehen ebenso wie die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit davon aus, dass nicht der Druckbehälter selbst betroffen ist, sondern Dichtungen im Bereich der Kühlmittelzuführung defekt sind. Eine Konsequenz aus dieser neuen Lagebeurteilung ist, dass einerseits mit einer massiven Kontamination des Grund- und Meerwassers rund um Fukushima gerechnet werden muss. Andererseits muss der Umgang mit dem bereits verseuchten Wasser und die Kühlung des Reaktors überdacht werden. Auch für den Rest der havarierten Reaktoren gibt es längst keine Entwarnung. Einigen der schwer beschädigten Reaktorgebäuden droht der Einsturz. Das Gewicht der ständig zugeführten Massen an Kühlwasser sowie Nachbeben drohen die Statik soweit zu belasten, dass ein Kollaps wahrscheinlich wird.

Es zeigt sich also, dass die Lage im AKW Fukushima, entgegen den Aussagen der Betreibergesellschaft Tepco, nicht langsam unter Kontrolle gebracht wird. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Ärgerlich an der Informationspolitik Tepcos ist insbesondere das sturre festhalten am Dogma der Atomindustrie: Jeder noch so schlechte Euphemismus ist in jedem Fall einer nüchternen Lageeinschätzung vorzuziehen. Die Verantwortlichen müssen große Angst haben, vor der öffentlichen Reaktion und daraus folgenden möglichen Konsequenzen. Anders lässt es sich in meinen Augen nicht erklären, dass das Management sich lieber mit offensichtlicher Schönrednerei vor der Weltöffentlichkeit blamiert, als mit belastbaren Aussagen den betroffenen Japanern eine realistische Einschätzung ihrer Situation zu ermöglichen.

Einen guten Überblick über die Situation in Fukushima, gibt auch diese Woche wieder Arnie Gundersen von Fairewinds per Video.

Fukushima – One Step Forward and Four Steps Back as Each Unit Challenged by New Problems from Fairewinds Associates on Vimeo.

Auch der newsblog von Nature hat einen lesenwerten Artikel zur neuen Situation in Fukushima veröffentlicht.

Greenpeace berichtet über kontaminierte Seefrüchte und Sedimente vor der Küste von Fukushima.

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