Vor einem Monat bebte in Japan die Erde. Ein Tsunami überollte an manchen Küstengebiete noch Anhöhen, die weit über 20 Meter oberhalb des Meeresspiegels lagen. An der Küste gelegene Atomkraftwerke schalteten sich automatisch ab. Doch gleich in mehreren Meilern ereigneten sich Störfälle. In Fukushima Daichii kam es zum GAU. Die Kühlsysteme, die notwendig sind, um die auftretende Nachwärme abzuführen fielen aus. TEPCO, die Betreibergesellschaft der Anlage, zeigte sich weder in der Lage die beginnende Katastrophe abzuwenden, noch schienen belastbare Notfallpläne erarbeitet worden zu sein. Erst einen Monat nach Beginn der Katastrophe stufte die Japanische Atomaufsicht NISA die Geschehnisse rund um Fukushima von 4 auf 7 der INES-Skala für atomare Unfälle herauf. Experten hatten zu diesem Zeitpunkt schon lange von einer Katastrophe gesprochen, die nach Tchernobyl das schwerste Unglück der zivilen Nutzung von Atomenergie darstellte. Evakuierungszonen wurden zögerlich eingerichtet und erst spät erweitert.


Eine Wasserstoffexplosion zerstört das Reaktorgebäude 3 im AKW Fukushima

Eine Katastrophe in Zeitlupe und – im Gegensatz zu Tschernobyl – im Lichte der Öffentlichkeit. Die dramatischen Bilder der Explosionen in Fukushima gingen um die Welt. Sueddeutsche.de und Spiegel Online richteten in den ersten Wochen Liveblogs ein, in denen jede Veränderung der Lage akribisch verfolgt wurde. Wer will konnte und kann bis jetzt die Lage in Fukushima auf extra hierfür eingerichteten Seiten der deutschen Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit verfolgen. Über Twitter erreichten Meldungen zu neuen Nachbeben Europa noch bevor BBC Breaking News ihr ständig laufendes Nachrichtenband aktualisieren konnte.  Selbst ‚kleinere‘ Details blieben der Öffentlichkeit nicht verborgen. Es wurde über Drücke in den Kondensationskammern der Reaktoren berichtet, die Strahlungswerte in den Reaktoren selbst, auf dem Werksgelände und in den verschiedenen Präfekturen sind dank Greenpeace, TEPCO und einem Netz aus Journalisten und Freiwilligen im Internet abrufbar.
Nur zum Vergleich: In der UdSSR erfuhren die Menschen erst zwei Tage nach der verheerenden Explosion im AKW Tschernobyl von dem Unfall. Berichtet wurde von einem Störfall, der keine Gefahr für die Menschen darstellte. Radioaktiver Fallout war zu diesem Zeitpunkt schon auf viele Dörfer und Städte Weißrusslands und der Ukraine niedergegangen. Gegenüber dem Ausland gab man den Super-GAU erst zu, als die Messinstrumente des schwedischen AKWs Forsmark Strahlungswerte anzeigten, die so alamierend waren, dass zunächst eine Evakuierung des Kraftwerks eingeleitet wurde.

Dennoch, die Datenflut aus Fukushima führte nicht dazu, der Öffentlichkeit ein klares Bild über die tatsächliche Gefahrensituation zu vermitteln. In Österreich und Deutschland waren schon kurz nach Bekanntwerden des Atomunglücks Strahlenmessgeräte ausverkauft, an der Westküste der USA grassierte die Angst vor radioaktivem Fallout. Und während die  deutsche Atomlobby sich beeilte darauf hinzuweisen, dass hierzulande Atomkraftwerke sicherlich mit Sicherheit sicher wären, kursieren auf der anderen Seite Darstellungen, die 40% Europas zur nuklearen No-Go-Zone erklären, vor dem Verzehr europäischer Nahrung warnen und für Japan noch weitaus Schlimmeres prophezeien. Doch Fukushima ist nicht Tschernobyl – Fukushima ist nur der erneute Beweis dafür, dass auch westliche Technologie außer Kontrolle geraten kann, und der Begriff ‚Restrisiko‘ eben doch nur ein Euphemismus für ‚Risiko‘ bleibt. Zugleich ist es der Beweis dafür, dass Wahrscheinlichkeitsrechnungen nichts taugen, wenn von falschen Vorraussetzungen ausgegangen wird und zugleich Risiken mit dem extensiven Ausbau von Atomstrom potenziert werden. Tschernobyl konnte von Verfechtern der Atomenergie noch mit den schlechten Sicherheitsstandards des Ostblocks begründet werden. Doch japanische Atomkraftwerke galten allgemein als gefeit vor größeren Havarien. Die jetzt aufkommenden Fragen wie sich die Atomindustrie gegenüber dem Katastrophenfall  finanziell abgesichert hat, welche Versicherungen bestehen, wie Opfer einer eventuellen Katastrophe entschädigt würden, können die Betreibergesellschaften nicht beantworten. Der Eintritt des Unwahrscheinlichen ist nicht finanzierbar.

Fukushima ist eine Katastrophe deren Auswirkungen auf die Umwelt vermutlich weitaus geringer ausfallen werden als die von Tchernobyl, und die von ihrem Aumaß vielleicht eher vergleichbar ist mit dem Untergang der BP-Ölplattform Deepwater-Horizon. Was wir mit Fukushima gerade tatsächlich miterleben dürfen ist ein Kulturbruch. Fukushima ist der Sputnik-Schock des Atomzeitalters. Vielleicht markiert diese Katastrophe den endgültigen Durchbruch für alternative und nachhaltige Energieerzeugung. Eine Energieform, die seit den 50er Jahren immer verbunden war mit den Utopien von ewiger und sauberer Energie, die aber Dank ihres militärischen Ursprungs immer auch von der Urangst vor der atomaren Vernichtung begleitet wurde, steht vor ihrem langfristigen Aus. Der Geist des Atomzeitalters hat es bis ins neue Jahrtausend geschafft – an der Küste von Fukushima ist er letztendlich gestrandet. Seine Stimme wird uns noch einige Zeit begleiten, doch sie wird leiser werden.

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